Pädagogenkonferenz 2010 Heidelberg - Diskussionsforum
23. April 2018, 00:09:59 *
Willkommen Gast. Bitte einloggen oder registrieren.

Einloggen mit Benutzername, Passwort und Sitzungslänge
News: TA-Konferenz-Forum neu installiert!
 
   Übersicht   Hilfe Suche Einloggen Registrieren  
Seiten: [1] 2 3 4
 1 
 am: 04. November 2010, 20:49:18 
Begonnen von Omer-Schlippe-Gruppe 1 - Letzter Beitrag von Omer-Schlippe-Gruppe 1
„Früher hatte jeder Idiot automatisch Autorität, wenn er nur irgendeine Funktion besaß. Heute muss man sich seine Autorität jeden Tag aufs Neue verdienen.“ In unserer zweiten Seminarsitzung wurde diese These zur Diskussion gestellt. Anhand der Lektüre „Autorität ohne Gewalt“ möchte ich die Diskussion weiter führen, indem ich zunächst in einem kleinem Absatz auf die These „Früher hatte jeder Idiot automatisch Autorität, wenn er nur irgendeine Funktion besaß“ eingehe und anschließend die Standpunkte von den Autoren Omer und Schlippe zu der These „Heute muss man sich seine Autorität jeden Tag aufs Neue verdienen.“ herausarbeite.
Um die Argumentationsstruktur von Omer und Schlippe verstehen zu können, möchte ich zunächst noch einmal kurz erläutern mit welcher zwischenmenschlichen Situation sich die Autoren in ihrem Buch auseinandergesetzt haben. Haim Omer und August von Schlippe haben ihr Buch für Familien geschrieben, in denen die Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern eine extrem negative Form angenommen hat. Das Buch soll hilfesuchenden Eltern als Ratgeber dienen, wie sie wieder eine positive Beziehung zu ihrem Kind aufbauen können. Dabei ist egal welche Art von Autorität (die Positive oder Negative) die Eltern vor der Eskalation in der Beziehung zu ihren Kindern gebrauchten. Das primäre Ziel des Buches besteht darin, „...gemeinsam mit den Eltern Bedingungen suchen, die es ihnen wieder ermöglichen dem Kind essentielle Werte und Regeln zu vermitteln....“ Gleichzeitig werden Hilfestellungen angeboten um die Einflüsse, die diese Werte aushöhlen können zu minimieren.
„Früher hatte jeder Idiot Autorität, wenn er nur irgendeine Funktion besaß. Heute muss man sich seine Autorität jeden Tag aufs Neue verdienen.“ Diese Aussage setzt zunächst die Erkenntnis voraus, dass sich die Art und Weise wie Autorität gewonnen wird, grundsätzlich geändert hat. An die Stelle wo gestern noch Totalitäre Erziehungsformen an der Tagesordnung standen, sind heute eine Unmenge Erziehungskonzepte- und Stile entstanden, die sich weitgehend von den streng hierarchischen Erziehungsmustern weg entwickelt haben hin zu eher partnerschaftlichen Einstellungen und Haltungen. Dennoch ist sicher, mithilfe von Gewaltausübung gegen das Kind oder den Jugendlichen war und ist Autorität mit Sicherheit leichter zu erlangen als mit all den gewaltfreien Konzepten von heute. Insofern muss man Schmidt Recht geben, früher hatte tatsächlich jeder Idiot Autorität, wenn er nur eine Funktion besaß. Vorausgesetzt sei natürlich, er wusste wie er sich mit totalitären Mitteln Autorität verschaf
 fen konnte. 2001 wurde glücklicherweise im Paragraph 1632 BGB ausdrücklich formuliert, das Kinder Anspruch auf gewaltfreie Erziehung haben. Damit war die Methode der physischen Gewalt, per Gesetz zumindest, verboten.
 
Seit totalitäre Erziehungsformen in vielen Kulturen für indiskutabel gehalten werden, gibt es eine Vielzahl von gewaltlosen Erziehungsstilen. Bedeutet die gewaltlose Erziehung gleichermaßen, dass man sich heute seine Autorität jeden Tag aufs neue verdienen muss? Gerade weil man durch physische und psychische Gewalt keinen Druck mehr auf den Zögling ausüben darf? Im Falle der Familien die in der Therapie von Omer und Schlippe stehen, ist die Autorität Eltern gegenüber ihrer Kinder verloren gegangen. Hier steht also die Frage im Raum: Wie kann Autorität wieder aufgebaut werden? Und wenn sie aufgebaut ist, ist sie von dauerhafter Natur, oder muss ich sie mir täglich neu verdienen?
Schlippe und Omer weißen mehr als einmal darauf hin, dass es keinen Königsweg der Erziehung gibt. Das heißt auch, dass es keinen Königsweg der Zurückerlangung von Autorität gibt. Als ich das Buch von Omer und Schlippe las wurde mir klar, dass Autorität im Endeffekt nur eine Methoden darstellt um ein Erziehungsziel (oder ein anderes Ziel) zu erlangen. Im Falle von Omer und Schlippe ist autoritäres Verhalten, elterliche Präsenz zu zeigen mit dem Ziel, dem Kind verantwortungsvolle Werte und Regeln mit auf seinen Weg zu geben. Versteht man also autoritäres Verhalten als Methode um zu einem persönlichen Ziel zu gelangen, dann ist für Omer und Schlippe Autorität mit der elterlichen Präsenz gleich zu setzten bei welcher es darauf ankommt, dass man dem Kind einen Rahmen an Festigkeit und Liebe gibt indem man als Elternteil Gegenwärtig, Anwesend, oder einfach Präsent ist. Omer und Schlippe betonen immer wieder, dass bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen Erziehungsziele nur erre
 icht werden können wenn die Eltern wieder im Leben der Kinder präsent werden. Bei manchen Kindern und Jugendlichen ist diese Präsenz nur wenige Male zu zeigen, bei anderen desto öfter... Die Sit- in Methode macht unter vielen anderen Methoden deutlich, wie unterschiedlich viel Autorität/ bzw. elterliche Präsenz von Nöten ist um Erziehungsziele wieder erreichen zu können. Omer und Schlippe schreiben, dass in den meisten Familien in denen die Methode angewandt wurde nur 2 bis 3 Sit-ins notwendig waren um Erziehungsziele wieder einigermaßen erfüllt zu sehen. Trotzdem gab es auch einige wenige Familien bei denen das Sit- In bis zu sechs Mal durchgeführt wurde. Das macht deutlich, dass es gravierend von den jeweiligen zwischenmenschlichen Beziehungen abhängig ist, ob man sich seine Autorität immer wieder neu verdienen muss oder ob sie nach der ersten „Anwendung“ so etwas wie Dauerhaftigkeit entwickelt. Metaphorisch könnte man dies auch mit einem Medikament vergleichen, bei dem ei
 nem hilft es sofort, bei dem anderen schlägt es nicht an. Selbstverständlich ist Autorität im Sinne der Sit-in Methode auch nur ein Baustein der zur Wiedererlangung der Erziehungsziele beiträgt, viele kleine andere müssen täglich gemeistert werden.
Omer und Schlippe sind der Ansicht, dass Erziehungsziele unter der Grundlage von Liebe und Festigkeit gewonnen werden können. Liebe aber auch Festigkeit einem Kind zu vermitteln, sind Dinge die man immer wieder erneuern muss, bei den einen häufiger und bei den anderen weniger oft. Mit welcher Art von Autorität bzw. Methode oder ganz praktisch gesehen Sit- in Maßnahme, ist den Erziehern überlassen bzw. dem Ratschlag des Therapeuten. Legt man sein Augenmerk also besonders auf diejenigen Familien, in denen Autorität erst wieder aufgebaut werden muss, ist der These: „...Heute muss man sich seine Autorität jeden Tag aufs Neue verdienen.“ (Wolf Schmidt), Omer und Schlippe zufolge, zumindest für die Anfangszeit durchaus zuzustimmen!


Die Beiträge sind sehr ausführlich und erklären die im Seminar vorgestellte Thematik. Was mir nur nicht ganz klar wird, ist der Satz: "Versteht man also autoritäres Verhalten als Methode um zu einem persönlichen Ziel zu gelangen, dann ist für Omer und Schlippe Autorität mit der elterlichen Präsenz gleich zu setzten bei welcher es darauf ankommt, dass man dem Kind einen Rahmen an Festigkeit und Liebe gibt indem man als Elternteil Gegenwärtig, Anwesend, oder einfach Präsent ist."
Das Autorität mit elterlicher Präsenz gleichgesetzt wird, ist verständlich. Doch ich frage mich, wie Eltern nicht "Gegenwärtig, Anwesend, oder einfach Präsent" sein können. Wie im Seminar schon erklärt wurde, sind auch ganz "normale" Familien und Eltern von diesem Problem betroffen, und deshalb stellt sich mir die Frage, wie Eltern (die ihre Kinder lieben und Zeit mit ihnen verbringen) nicht gegenwärtig, oder anwesend sein können. Wir haben alle die Bilder von sozial schwachen Familien im Hinterkopf, bei denen es zuhause drunter und drüber geht und für das einzelne Kind keine Zeit und Lust bleibt. Aber wie sieht das bei "normalen" Eltern aus. Wie äußert sich dort die Abwesenheit? Was sagen Omer/ Schlippe dazu?

Der Verlust von Autorität in „normalen“ Familien liegt vor allem an der  allgemeinen Auffassung, welche Aufgaben Eltern in unserer Kultur zu leisten haben. Wenn ein Kind sich auffällig verhält, wird dies oft als Ergebnis eines Prozesses gesehen, indem die Eltern eindeutig als Verursacher des Problems gelten. Oftmals macht sich auffälliges Verhalten anfangs nur gering bemerkbar und steigert sich nach und nach. Für die meisten Menschen ist Fakt: Das Kind ist verhaltensauffällig, weil die Eltern etwas in die kindliche Seele hineingepflanzt haben, was das Kind krank macht. Daraufhin verlieren die Eltern nach und nach ihre Persönliche Präsenz, welche bei Schlippe und Omer als Ausdruck eigener Werte, eigenes Handelns und Gefühle gesehen wird. Verlieren die Eltern die eigene Stimme, geht dies mit dem Gefühl der Angst einher, das zu sagen, was sie denken. Eigene Behauptungen scheinen ihnen als aufdringlich und eigene Bedürfnisse als egoistisch. Eltern leiden oft unter Schuldgefühlen, extremen Mitleid oder Ängstlichkeit. Insbesondere Familien die auf kulturelles Ansehen Wert legen, sehen sich häufig mit diesem Problem konfrontiert. Nach Omer und Schlippe ist es wichtig die Eltern von dieser Lähmung zu befreien, die durch die Kultur ausgelöst wurde und ihnen zu helfen ihre persönliche Stimme wiederzufinden. Beispielsweise gab es den Vorfall bei Omer und Schlippe, dass ein Jugendlicher immer mehr Macht über seine Mutter erlangte. Die Mutter traute sich nicht sich gegen ihren Sohn auszusprechen, da sie glaubte, dass das Verhalten des Sohnes auf die traumatischen Erfahrungen während der Scheidung von ihrem Mann zurückzuführen sein. Erst nachdem Omer und Schlippe sie dazu ermutigt hatten wieder ihre eigenen Werte und Gefühle auszudrücken und sie gegen ihren Sohn zu behaupten, erlangte sie wieder Präsenz im Leben ihres Sohnes.

 2 
 am: 30. Oktober 2010, 10:56:34 
Begonnen von Omer-Schlippe-Gruppe 1 - Letzter Beitrag von Hans Habegger
Ich meine, dass der Begriff "Gewalt" hierbei differenziert betrachtet werden muß. Wir laufen sonst unbedacht in Gefahr, Gewalt, Macht, Aggression, etc. synonym zu verwenden. Gewalt im Sinne von (ethymologisch.) walten = kraftvoll sein, wirken und der Bedeutung: eine bestimmende Funktion ausüben ist ein inherentes Prinzip hierarchischer Systeme. Sind Schulen hierarchische Systeme? Dann haben Pädagogen Gewalt (ob sie wollen oder nicht) und es bleibt die Frage, wie sie konstruktiv, wertschätzend ausgeübt wird.

Autörität wiederum kann aus unterschiedlichen Quellen gespeist sein ( Fach-Autorität z.b.) - eine davon ist die Autorität, die aus der hierarchischen Position entsteht.

In Kürze bedeutet dies aus meiner Sicht: Nein: Autorität ohne situativ bestimmende Funktion geht nicht - es geht nur um die Frage wie! Da haben wir als Transaktionsanalytiker doch gute Antworten!




 3 
 am: 25. Oktober 2010, 23:42:43 
Begonnen von Omer-Schlippe-Gruppe 1 - Letzter Beitrag von L. Kühlwetter
Ich denke, dass wenn von Autorität und Gewalt gesprochen wird, muss dies nicht unbedingt eine physische Kraft implizieren, sondern kann auch psychologische Gewalt meinen.

Bernhard Bueb spricht in „Lob der Disziplin“, im Rahmen erzieherischer Maßnahmen auf Schloss Salem in seiner Zeit als Schulleiter, von dem Verlust des Respektes vieler Schülerinnen und Schüler bezüglich der Autorität ihrer Lehrer.             
Um diese wieder herzustellen, werden Richtlinien und Regeln formuliert, bei deren Verstoß Sanktionen erteilt werden. Strafen würden zu Angst führen, Angst zu Respekt und dieser schließlich zu Autorität.

Nun frage ich mich jedoch, ist Autorität, die durch Gewalt (in diesem Fall in Form von Angst) erworben wird, eine angemessene im Lehrberuf? Sollten Schülerinnen und Schüler nicht viel mehr die Amtsautorität ihrer Lehrer respektieren, als zu diesem Punkt „gestraft“ zu werden?

 4 
 am: 25. Oktober 2010, 21:53:30 
Begonnen von Bergmann-Gruppe (Winkler/Roßner) - Letzter Beitrag von L. Kühlwetter
Nach Bernhard Buebs „Lob der Disziplin“ führen mangelnde, oder sogar nicht existierende Grenzen zu mangelndem Respekt vor Autorität.

Durch die seit der 1968er-Generation fortschreitende „Demokratisierung“ des Kindes- und Jugendalters seien Tugenden wie Fleiß, Ordnung, Pünktlichkeit, sowie höfliche Umgangsformen, die zuvor stets vorhanden gewesen seien, bei Kindern und Jugendlichen immer weiter dem Hang zur Diskussion um Dinge unseres Alltags gewichen.       

Laut Bueb dürfe weder Widerrede noch Diskussion zugelassen werden, da somit Autorität in Frage gestellt würde und der Erzieher „Ungehorsam“ ernte. 

Ich persönlich frage mich jedoch, wo die von Bueb geforderten „klaren Grenzen“ aufhören und die absolute Kontrolle beginnt? Sollte es nicht eher Gegenstand unserer Erziehung sein, zu lenken und Möglichkeiten aufzuzeigen, anstatt die Pfade so eng zu gestalten, dass sie jegliche Art der freien Entfaltung unterbinden?

 5 
 am: 25. Oktober 2010, 17:45:34 
Begonnen von Brumlik-Gruppe - Letzter Beitrag von L. Kühlwetter
In Bernhard Buebs „ Lob der Disziplin – eine Streitschrift“ spielt die Erziehung von Kindern in Internaten deshalb eine große Rolle, da er diese als Vorzeigebeispiel der Wirkung von klaren Richtlinien und Regeln im Tagesablauf eines Heranwachsenden nutzt.
Sicherlich findet keine eindeutige Unterscheidung von britischen und amerikanischen Internaten und deren Wegen der Erziehung ihrer Schüler statt, doch ist dies auch nicht der Punkt Bernhard Buebs, um den sich die Thematik dreht.

Dieser beklagt zunehmende Leistungs- und Disziplinprobleme bei seinen Schülern und beschreibt solche aus eigenen, sowie fremden Erfahrungen im Austausch mit internationalen Kollegen. Es werden Umgangsformen bezüglich der Problembereiche im „Erfahrungsfeld Internat“ geschildert und Thesen zur vermeintlichen Bewältigung dieser herangeführt.

Nach Bueb spielt Ordnung eine wichtige Rolle in unserer Entwicklung, sie „bildet das Fundament menschlichem Lebens“, fördert „gedeihliches Aufwachsen“. Ordnung bilde sowohl den Anfang, als auch das Ende von Erziehung und wird von Bueb als die „Vorrausetzung von Glück“ interpretiert.                            Da diese nicht ohne einheitliche Kontrolle und Konsequenzen bei Verstoß, von Bueb als „Strafen“ formuliert, aufrechtzuerhalten sei, fordert Bueb klare Grenzen und Regeln. Der „sozialen Kontrolle“ wird dabei die größte Effizienz zugesprochen, da diese ohne Strafen (per Definition) fungiere. Es wird Mut zur Disziplin gefordert, aus der Selbstdisziplin hervortreten soll. 

Ursprung der Erziehung von Kindern in Internaten sind häufig starkes berufliches Engagement der Eltern, die nicht genügend Zeit für die Erziehung aufbringen können oder lediglich mit ihren Kindern nicht fertig werden. Ist in diesem Fall eine Erziehung, in der Eltern nur eine untergeordnete Rolle spielen, nicht eine bessere als die, in der aufgrund mangelnder Zeit oder erzieherischer Fähig- und Fertigkeiten jegliche Bezugs- und Autoritätspersonen fehlen?

 6 
 am: 25. Oktober 2010, 11:13:59 
Begonnen von Simon Brückner - Letzter Beitrag von A.Fischer
In unserer Kleingruppe wurde im Seminar besprochen, dass es häufig einfacher ist, die Autotität wieder herzustellen, wenn kein Zweifel an dem Charisma, also der personalen Autorität herrscht.
Ein Beispiel, um dies zu verdeutlichen:
Ein Lehrer verliert seine Sachautorität, indem er Schülern eine Fehlinformation vermittelt. Sofern er, sobald er auf seinen Fehler hingewiesen wird, angemessen auf den Vorfall reagiert und durch sein Charisma von den Schülern als generell positiv eingeordnet wird, sollte diese Fehlinformation keine weiteren Hindernisse in Bezug au seine Lehrertätigkeit darstellen.
Allerdings kann der Verlust der Amtsautorität zu wesentlich schlimmeren Konsequenzen führen, da einem somit die Möglichkeit genommen wird, sein Amt als Lehrkörper auszuüben.
Beenden möchte ich meinen Beitrag mit einem Zitat aus dem Buch Lob der Disziplin von Bernhard Bueb: "Kein Kind geht verloren, an das ein Lehrer glaubt." (S. 141) und möchte hiermit auf einen Möglichen Umkehrschluss hinweisen. Bedeutet das also, dass ein Lehrer kein Kind verliert, wenn er nur genug an das Kind glaubt? Ist das vielleicht der Schlüssel, um eine einstmals verloren geglaubte Autorität wieder zu erlangen? Dieses Zitat und der mögliche Umkehrschluss würde die These unserer Kleingruppe unterstreichen, dass es für einen Lehrer wichtig ist und sein höchstes Ziel sein sollte, sein Charisma nicht zu verlieren.

 7 
 am: 23. Oktober 2010, 11:21:06 
Begonnen von Bastian Rauschmaier - Letzter Beitrag von Brumlik-Gruppe
Zitat:
Ein Problem dabei ist jedoch, dass die Pädagogen keine Monopolstellung mehr im Bezug auf ihr Wissen haben. Vor allem durch das Internet können Schülerinnen und Schüler problemlos auf das in der Schule vermittelte Wissen zugreifen. Ist es ihnen aufgrund dieser Tatsache überhaupt noch möglich anzuerkennen, dass sie einer ältere Person brauchen um Lernerfolge zu erzielen? Und ist es nicht so, dass durch die Schule als Zwangsveranstaltung keine zwanglose Anerkennung dieser pädagogischen Autorität möglich ist? Zitat ende

Vor allem der erste Teil dieser Aussage suggeriert, dass in der Schule hauptsächlich Wissen vermittelt wird, und dass Lehrende hauptsächlich die Aufgabe haben Schülerinnen und Schülern „Wissen“ zu vermitteln.
Würde es in der Schule tatsächlich genau, oder allein darum gehen, würde ihr in weiter Hinsicht tatsächlich ihre Begründung fehlen. Dennoch bleibt auch hier anzuzweifeln, ob man durch reines lesen, Lehrfilme etc. sich ausreichend „Wissen“ und vor allem Fähigkeiten aneignet.
In und bei Schule geht es ja aber nicht um das erlernen von reinem Faktenwissen, wie uns ja schon Wolfgang Klafki mit seinen Forderungen nach "Selbstbestimmungsfähigkeit", "Mitbestimmungsfähigkeit" und "Solidaritätsfähigkeit" der Schülerinnen und Schüler stellt.
Auch Manfred Spitzer, Gehirnforscher an der UNI Ulm schreibt dazu (Brumlik 2007:Vom Missbrauch der Disziplin, S. 182) treffend:
"... Daher geht es bei Erziehung und Bildung keineswegs nur um Faktenwissen, sondern immer auch (und vor allem!) um Haltungen und Werte." ... "Gute Pädagogen haben schon immer betont, dass es beim Lernen nicht um Fakten geht, sondern um Einstellungen und Haltungen, Fertigkeiten und Fähigkeiten, Werte und Ausdauer, Freude und Disziplin."
Wenn also die Forderung „Dem Schüler muss ermöglicht werden überhaupt anzunehmen, dass er eines erwachsenen Anderen bedarf, um sein Wissen und sein Können weiter zu entwickeln“ (Schäfer & Thompson 2009, S. 71). erfüllt werden soll, dann nicht wegen des Faktenwissen des Lehrenden. Es zählt ganz andere Eigenschaften, z.B. die Lebenserfahrung in einer Gemeinschaft und das daraus resultierende Vorleben von Moral, Achtung gegenüber Anderer, etc.
"Werte lernen wir nicht durch Predigen, sondern durch Leben in einer Wertegemeinschaft.“ ... „Sie brauchen hierfür Vorbilder und Möglichkeiten des Auslebens.“ (Brumlik 2007:Vom Missbrauch der Disziplin, S. 195)

Wenn wir als Lehrer diese „Vorbilder und Möglichkeiten des Auslebens“ bieten, so können Schülerinnen und Schüler Lehrende auch als Autoritäten anerkennen. Dies ist auch in einer Zwangsveranstaltung möglich, denn „Das Glücksempfinden des Menschen hat gar nicht die Funktion uns dauerhaft glücklich zu machen, sondern hat die Funktion, uns alles, was gut für uns ist, rasch aneignen zu lassen.“ ebd.

 8 
 am: 16. Oktober 2010, 08:46:21 
Begonnen von Bastian Rauschmaier - Letzter Beitrag von hansjoss
Pädagogische Asymmetrie

Zitat:‘Die Anerkennung dieser Asymmetrie ist folglich keine Selbstverständlichkeit, denn diese setzt „die Anerkennung des Defizitären“, des „Noch-nicht-so-weit“ Seins voraus. Und etwas „nicht zu können, zu wissen und zu begreifen hat auch immer etwas Demütigendes und Degradierendes“ (ebd.).

Insbesondere zukünftige Pädagogen müssen sich also die Frage stellen: Wie kann man auf diese Asymmetrie reagieren?

Ich denke, dass es hier sehr wichtig ist, das Defizit positiv zu gestalten und zu versuchen, das Beschämende daran so wenig wie nur möglich zur Geltung zu bringen. Falls dies gelingt, ist die Basis zur Anerkennung der Autorität gelegt. Allerdings muss die Lehrkraft hierfür ihr Wissen und ihre Fähigkeiten überzeugend einsetzen‘.Zitat Ende.

Interessante, aber auch klärungsbedürftige Ueberlegungen. Ich bleibe an den Begriffen ‚defizitär‘ und ‚das Beschämende‘ hängen.
Entscheidend scheint mir weniger das Autoritätsverständnis zu sein, als die Art der Beziehung zwischen Lehrperson und Lernenden.
Beispiel: Eine Lehrperson verteilt in der Klasse einen Test, der vor einigen Tagen geschrieben wurde.
Diese Situation, zeigt, dass Lehrpersonen nicht darum herum kommen, Lernende zu beurteilen. Die Institution `öffentliche Schule‘ definiert die Rolle der Lehrpersonen zu weiten Teilen. Die Frage ist weniger: Wie verstehe ich mich als Autorität, als vielmehr: Bejahe ich das Lehr-und Lernverständnis der öffentlichen Schule, akzeptiere ich die selektive Struktur mit ihren Stärken und Schwächen.

Es sind gerade die Finnen, welche uns mit ihren Grundsätzen provozieren: Jedes Kind ist wichtig, kein Kind darf auf der Strecke blieben, ein Kind darf nie beschämt werden.
Drei Grundsätze, welche ein selektives System nicht bestätigen kann.
Anders formuliert: ein defizitäres  Schülerverständnis und Beschämungen sind immanente Bestandteile einer selektiven Schulstruktur, welche Ueberlegungen zum Autoritätsverständnis stark einschränken, letztlich die Lehrer-Schülerbeziehung weitgehend bestimmen und einschränken.

 9 
 am: 07. Oktober 2010, 12:26:28 
Begonnen von Simon Brückner - Letzter Beitrag von Simon Brückner
Folgende These wurde bereits im Seminar zur Diskussion gestellt:
Es dauert lange ein Autoritätsverhältnis aufzubauen, jedoch kann die Autorität von einem auf den anderen Moment verloren gehen (vgl. Schäfer & Thompson 2009).

Demnach gleicht die Lehrerautorität einem Wandeln am Abgrund. Ein falscher Schritt bzw. einmal falsch verhalten, und die Autorität wird einem von den Schülern aberkannt. Um Autorität zu erlangen bedarf es im Gegensatz dazu weitaus mehr als sich nur einmal gut zu verhalten. In wie fern dieses Ungleichgewicht wirklich existiert, und ob dieser schmale Grat vielleicht schon im Vorhinein zu einem breiten und sicheren Weg gemacht werden kann ist hier eine entscheidende Frage.

In der vorangegangenen Diskussion im Seminar wurde behauptet, dass es durchaus möglich ist den schmalen Grat zu verbreitern, indem man sich bevor es zu so einem „falschen Schritt“ kommt, bewusst macht, was  so ein falscher Schritt sein könnte um ihn dann gezielt vermeiden zu können.
Außerdem wurde angezweifelt, dass die Autorität tatsächlich von einem auf den anderen Moment verloren gehen kann. Wichtig sei dabei, wie man mit entsprechenden Vorfällen umgehe, die die Lehrerautorität ins „Schleudern“ bringen könnten. Es sei entscheidend, dass nicht versucht wird, einen solchen Vorfall einfach zu vertuschen, sondern offen damit umzugehen. Damit würde sich dann in den meisten Fällen die Autorität wieder „stabilisieren“ lassen.
Hier besteht nun die Möglichkeit diese Diskussion nochmals aufzunehmen.


Bastian Rauschmaier & Simon Brückner

 10 
 am: 07. Oktober 2010, 12:19:53 
Begonnen von Simon Brückner - Letzter Beitrag von Simon Brückner
Folgende These wurde bereits im Seminar zur Diskussion gestellt:

„Die Autorität verkörpert und repräsentiert zentrale Werte und Haltungen. Damit ist sie einerseits selbst daran gebunden, erfährt aber auch nur Anerkennung durch jene, die selbst an diesen Haltungen und Werten orientiert sind, die sie in der Autorität idealtypisch repräsentiert sehen“
(Schäfer & Thompson 2009, S. 70).

Demnach kann ein Autoritätsverhältnis zwischen Lehrern und Schülern nur bestehen, wenn der Lehrer Werte verkörpert, die auch der Schüler vertritt bzw. die für den Schüler als erstrebenswert erachtet werden. Doch das müsste dann ja auch bedeuten, dass es nicht beeinflussbar ist, ob man von den Schülern Autorität zugesprochen bekommt oder nicht, es sei denn man verstellt sich, doch damit würde ein Verlust der Authentizität einhergehen.

In der vorangegangenen Diskussion wurde die Meinung stark, dass nicht zwingend die selben Werte vertreten werden müssen, um ein Autoritätsverhältnis herstellen zu können. Es wäre viel mehr entscheidend, die Werte die man vertritt begründen zu können, sowie authentisch zu sein. Werteunterschiede würden so von den Schülern auch akzeptiert werden, ohne die Autorität anzuzweifeln.

Außerdem kam die Frage nach der Amtsautorität auf, die ja ohne Zweifel bestehen sollte, auch wenn keine unmittelbare Werteübereinstimmung besteht.
Genug offene Fragen, um die Diskussion an der Stelle noch einmal aufzunehmen.


Bastian Rauschmaier & Simon Brückner

Seiten: [1] 2 3 4
Powered by MySQL Powered by PHP Powered by SMF 1.1.16 | SMF © 2006-2009, Simple Machines Prüfe XHTML 1.0 Prüfe CSS