Pädagogenkonferenz 2010 Heidelberg - Diskussionsforum
19. Juli 2018, 09:49:18 *
Willkommen Gast. Bitte einloggen oder registrieren.

Einloggen mit Benutzername, Passwort und Sitzungslänge
News: TA-Konferenz-Forum neu installiert!
 
   Übersicht   Hilfe Suche Einloggen Registrieren  
Seiten: [1]
  Drucken  
Autor Thema: "Früher hatte jeder Idiot automatisch Autorität"  (Gelesen 3312 mal)
Omer-Schlippe-Gruppe 1
Neuling
*
Beiträge: 3


Profil anzeigen
« am: 04. November 2010, 20:49:18 »

„Früher hatte jeder Idiot automatisch Autorität, wenn er nur irgendeine Funktion besaß. Heute muss man sich seine Autorität jeden Tag aufs Neue verdienen.“ In unserer zweiten Seminarsitzung wurde diese These zur Diskussion gestellt. Anhand der Lektüre „Autorität ohne Gewalt“ möchte ich die Diskussion weiter führen, indem ich zunächst in einem kleinem Absatz auf die These „Früher hatte jeder Idiot automatisch Autorität, wenn er nur irgendeine Funktion besaß“ eingehe und anschließend die Standpunkte von den Autoren Omer und Schlippe zu der These „Heute muss man sich seine Autorität jeden Tag aufs Neue verdienen.“ herausarbeite.
Um die Argumentationsstruktur von Omer und Schlippe verstehen zu können, möchte ich zunächst noch einmal kurz erläutern mit welcher zwischenmenschlichen Situation sich die Autoren in ihrem Buch auseinandergesetzt haben. Haim Omer und August von Schlippe haben ihr Buch für Familien geschrieben, in denen die Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern eine extrem negative Form angenommen hat. Das Buch soll hilfesuchenden Eltern als Ratgeber dienen, wie sie wieder eine positive Beziehung zu ihrem Kind aufbauen können. Dabei ist egal welche Art von Autorität (die Positive oder Negative) die Eltern vor der Eskalation in der Beziehung zu ihren Kindern gebrauchten. Das primäre Ziel des Buches besteht darin, „...gemeinsam mit den Eltern Bedingungen suchen, die es ihnen wieder ermöglichen dem Kind essentielle Werte und Regeln zu vermitteln....“ Gleichzeitig werden Hilfestellungen angeboten um die Einflüsse, die diese Werte aushöhlen können zu minimieren.
„Früher hatte jeder Idiot Autorität, wenn er nur irgendeine Funktion besaß. Heute muss man sich seine Autorität jeden Tag aufs Neue verdienen.“ Diese Aussage setzt zunächst die Erkenntnis voraus, dass sich die Art und Weise wie Autorität gewonnen wird, grundsätzlich geändert hat. An die Stelle wo gestern noch Totalitäre Erziehungsformen an der Tagesordnung standen, sind heute eine Unmenge Erziehungskonzepte- und Stile entstanden, die sich weitgehend von den streng hierarchischen Erziehungsmustern weg entwickelt haben hin zu eher partnerschaftlichen Einstellungen und Haltungen. Dennoch ist sicher, mithilfe von Gewaltausübung gegen das Kind oder den Jugendlichen war und ist Autorität mit Sicherheit leichter zu erlangen als mit all den gewaltfreien Konzepten von heute. Insofern muss man Schmidt Recht geben, früher hatte tatsächlich jeder Idiot Autorität, wenn er nur eine Funktion besaß. Vorausgesetzt sei natürlich, er wusste wie er sich mit totalitären Mitteln Autorität verschaf
 fen konnte. 2001 wurde glücklicherweise im Paragraph 1632 BGB ausdrücklich formuliert, das Kinder Anspruch auf gewaltfreie Erziehung haben. Damit war die Methode der physischen Gewalt, per Gesetz zumindest, verboten.
 
Seit totalitäre Erziehungsformen in vielen Kulturen für indiskutabel gehalten werden, gibt es eine Vielzahl von gewaltlosen Erziehungsstilen. Bedeutet die gewaltlose Erziehung gleichermaßen, dass man sich heute seine Autorität jeden Tag aufs neue verdienen muss? Gerade weil man durch physische und psychische Gewalt keinen Druck mehr auf den Zögling ausüben darf? Im Falle der Familien die in der Therapie von Omer und Schlippe stehen, ist die Autorität Eltern gegenüber ihrer Kinder verloren gegangen. Hier steht also die Frage im Raum: Wie kann Autorität wieder aufgebaut werden? Und wenn sie aufgebaut ist, ist sie von dauerhafter Natur, oder muss ich sie mir täglich neu verdienen?
Schlippe und Omer weißen mehr als einmal darauf hin, dass es keinen Königsweg der Erziehung gibt. Das heißt auch, dass es keinen Königsweg der Zurückerlangung von Autorität gibt. Als ich das Buch von Omer und Schlippe las wurde mir klar, dass Autorität im Endeffekt nur eine Methoden darstellt um ein Erziehungsziel (oder ein anderes Ziel) zu erlangen. Im Falle von Omer und Schlippe ist autoritäres Verhalten, elterliche Präsenz zu zeigen mit dem Ziel, dem Kind verantwortungsvolle Werte und Regeln mit auf seinen Weg zu geben. Versteht man also autoritäres Verhalten als Methode um zu einem persönlichen Ziel zu gelangen, dann ist für Omer und Schlippe Autorität mit der elterlichen Präsenz gleich zu setzten bei welcher es darauf ankommt, dass man dem Kind einen Rahmen an Festigkeit und Liebe gibt indem man als Elternteil Gegenwärtig, Anwesend, oder einfach Präsent ist. Omer und Schlippe betonen immer wieder, dass bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen Erziehungsziele nur erre
 icht werden können wenn die Eltern wieder im Leben der Kinder präsent werden. Bei manchen Kindern und Jugendlichen ist diese Präsenz nur wenige Male zu zeigen, bei anderen desto öfter... Die Sit- in Methode macht unter vielen anderen Methoden deutlich, wie unterschiedlich viel Autorität/ bzw. elterliche Präsenz von Nöten ist um Erziehungsziele wieder erreichen zu können. Omer und Schlippe schreiben, dass in den meisten Familien in denen die Methode angewandt wurde nur 2 bis 3 Sit-ins notwendig waren um Erziehungsziele wieder einigermaßen erfüllt zu sehen. Trotzdem gab es auch einige wenige Familien bei denen das Sit- In bis zu sechs Mal durchgeführt wurde. Das macht deutlich, dass es gravierend von den jeweiligen zwischenmenschlichen Beziehungen abhängig ist, ob man sich seine Autorität immer wieder neu verdienen muss oder ob sie nach der ersten „Anwendung“ so etwas wie Dauerhaftigkeit entwickelt. Metaphorisch könnte man dies auch mit einem Medikament vergleichen, bei dem ei
 nem hilft es sofort, bei dem anderen schlägt es nicht an. Selbstverständlich ist Autorität im Sinne der Sit-in Methode auch nur ein Baustein der zur Wiedererlangung der Erziehungsziele beiträgt, viele kleine andere müssen täglich gemeistert werden.
Omer und Schlippe sind der Ansicht, dass Erziehungsziele unter der Grundlage von Liebe und Festigkeit gewonnen werden können. Liebe aber auch Festigkeit einem Kind zu vermitteln, sind Dinge die man immer wieder erneuern muss, bei den einen häufiger und bei den anderen weniger oft. Mit welcher Art von Autorität bzw. Methode oder ganz praktisch gesehen Sit- in Maßnahme, ist den Erziehern überlassen bzw. dem Ratschlag des Therapeuten. Legt man sein Augenmerk also besonders auf diejenigen Familien, in denen Autorität erst wieder aufgebaut werden muss, ist der These: „...Heute muss man sich seine Autorität jeden Tag aufs Neue verdienen.“ (Wolf Schmidt), Omer und Schlippe zufolge, zumindest für die Anfangszeit durchaus zuzustimmen!


Die Beiträge sind sehr ausführlich und erklären die im Seminar vorgestellte Thematik. Was mir nur nicht ganz klar wird, ist der Satz: "Versteht man also autoritäres Verhalten als Methode um zu einem persönlichen Ziel zu gelangen, dann ist für Omer und Schlippe Autorität mit der elterlichen Präsenz gleich zu setzten bei welcher es darauf ankommt, dass man dem Kind einen Rahmen an Festigkeit und Liebe gibt indem man als Elternteil Gegenwärtig, Anwesend, oder einfach Präsent ist."
Das Autorität mit elterlicher Präsenz gleichgesetzt wird, ist verständlich. Doch ich frage mich, wie Eltern nicht "Gegenwärtig, Anwesend, oder einfach Präsent" sein können. Wie im Seminar schon erklärt wurde, sind auch ganz "normale" Familien und Eltern von diesem Problem betroffen, und deshalb stellt sich mir die Frage, wie Eltern (die ihre Kinder lieben und Zeit mit ihnen verbringen) nicht gegenwärtig, oder anwesend sein können. Wir haben alle die Bilder von sozial schwachen Familien im Hinterkopf, bei denen es zuhause drunter und drüber geht und für das einzelne Kind keine Zeit und Lust bleibt. Aber wie sieht das bei "normalen" Eltern aus. Wie äußert sich dort die Abwesenheit? Was sagen Omer/ Schlippe dazu?

Der Verlust von Autorität in „normalen“ Familien liegt vor allem an der  allgemeinen Auffassung, welche Aufgaben Eltern in unserer Kultur zu leisten haben. Wenn ein Kind sich auffällig verhält, wird dies oft als Ergebnis eines Prozesses gesehen, indem die Eltern eindeutig als Verursacher des Problems gelten. Oftmals macht sich auffälliges Verhalten anfangs nur gering bemerkbar und steigert sich nach und nach. Für die meisten Menschen ist Fakt: Das Kind ist verhaltensauffällig, weil die Eltern etwas in die kindliche Seele hineingepflanzt haben, was das Kind krank macht. Daraufhin verlieren die Eltern nach und nach ihre Persönliche Präsenz, welche bei Schlippe und Omer als Ausdruck eigener Werte, eigenes Handelns und Gefühle gesehen wird. Verlieren die Eltern die eigene Stimme, geht dies mit dem Gefühl der Angst einher, das zu sagen, was sie denken. Eigene Behauptungen scheinen ihnen als aufdringlich und eigene Bedürfnisse als egoistisch. Eltern leiden oft unter Schuldgefühlen, extremen Mitleid oder Ängstlichkeit. Insbesondere Familien die auf kulturelles Ansehen Wert legen, sehen sich häufig mit diesem Problem konfrontiert. Nach Omer und Schlippe ist es wichtig die Eltern von dieser Lähmung zu befreien, die durch die Kultur ausgelöst wurde und ihnen zu helfen ihre persönliche Stimme wiederzufinden. Beispielsweise gab es den Vorfall bei Omer und Schlippe, dass ein Jugendlicher immer mehr Macht über seine Mutter erlangte. Die Mutter traute sich nicht sich gegen ihren Sohn auszusprechen, da sie glaubte, dass das Verhalten des Sohnes auf die traumatischen Erfahrungen während der Scheidung von ihrem Mann zurückzuführen sein. Erst nachdem Omer und Schlippe sie dazu ermutigt hatten wieder ihre eigenen Werte und Gefühle auszudrücken und sie gegen ihren Sohn zu behaupten, erlangte sie wieder Präsenz im Leben ihres Sohnes.
Gespeichert
Seiten: [1]
  Drucken  
 
Gehe zu:  

Powered by MySQL Powered by PHP Powered by SMF 1.1.16 | SMF © 2006-2009, Simple Machines Prüfe XHTML 1.0 Prüfe CSS